the latest corpse

04.01.2014

latest-corpse1401

02.11.2013

bodyschweiss
Der Geschmack von Blut im Mund. Die Hand blutverschmiert. Das T-shirt blutgetränkt.
Der Blutstrahl aus dem Ohr, im Spiegel deutlich sichtbar. Stumpfe Zähne ins Waschbecken kotzen, üble Heiterkeit, keine Schmerzen. Hilfe. Krankenhaus.
Die Strassen menschenleer, eine blutige Klopapierspur, kein Geräusch.
Eichhörnchen turnen auf Bäumen rum und fressen alles auf.

25.07.2013

omi-itty

Nein, ich sitze nicht im Rollstuhl. Da bin ich auch dankbar. Nicht wie der arme Herr von Gegenüber, Fuchs hiess er wohl, der jetzt tot ist. Ist zweimal in den See gefahren, mit seinem Rollstuhl, sie haben ihn aber rausgezogen, obwohl er nicht wollte. Bein drittenmal hat es nun aber geklappt, mit dem Ersaufen, keine schöne Sache. Was genau er nicht ausgehalten hat, kann ich leider nicht sagen, ich hab ihn ja schliesslich immer nur gesehen, im Haus auf der anderen Strassenseite, am Fenster. Zum Reden war die Strasse zu breit. Es fahren auch zuviele Autos, nachts schlafe ich immer mit Ohropax.
Trotzdem gut, dass die Strasse da ist, denn sonst wäre nichts los, auch nichts zu sehen den ganzen Tag, als sässe man auf auf einer Dachterasse in einem Industriegebiet oder einer Trabantenstadt, wo nur Büros sind und darin die Menschen. Denn wer geht schon während der Arbeitszeit raus und sonnt sich, das kann sich ja keiner leisten. Auch in der Mittagspause wird meist durchgearbeitet, wenn auch lustlos, weil erzwungen durch ein ungeschriebenes Gesetz: mehr Zeit generieren, mehr online sein, mehr Daten jonglieren lassen, und zwar nicht, um mehr Geld, Anerkennung oder gar Liebe zu bekommen, sondern einfach, um Stress zu vermeiden. Das ist aber sehr anstrengend. Stressig. Den Zustand kenn ich auch. Ist ja schliesslich nicht so, dass ich schon immer hier gesessen hätte.
Ich habe mir auch kein Bein gebrochen wie in diesem Film dieser Säufer, trinkt immer Whiskey oder Gin, ein gutaussehender Mann. Ein schöner Mann, der nichts zu tun hat, wegen dem Bein, Kriegsinvalid oder Sportinvalid ist, also ein körperliches Problem hat. Das ist nichts Mentales, dass der da immer rausguckt, über den Hof den Nachbarn zu. Er hat einfach nicht viel zu tun und da schaut er eben immer: die Gewohnheiten der Nachbarn, das Alltägliche: unaufgeregte Routinen, kleine Bewegungen, ab und zu leichte Turbulenzen, das kann schon spannend sein. Er schaut zu, ist dabei vielleicht ein bisschen obsessiv, weil er nichts verpassen will, wie bei einer Fernsehserie. Im Grunde aber ist er richtig schön ruhig und entspannt – trinkt, raucht, macht autogenes Training oder auch nichts, döst. Weil Nachts schläft er schlecht, es ist zwar ruhig da im Hinterhaus, aber er hat Rückenschmerzen vom vielen Sitzen. Daher sieht er eines Nachts im Halbschlaf, wie drüben auf der anderen Seite vermutlich ein Mord begangen wird. Er ist sich eben nicht sicher, aber der Nachbar, der vermeintliche Mörder, verhält sich plötzlich sehr seltsam, unroutiniert, hantiert mit Sägen und Messern und keine Ehefrau mehr zu sehen. Die ist plötzlich verschwunden. Vielleicht auch nur auf Kur oder bei ihrer Schwester, aber er weiss es eben nicht, und fragen geht ja nun auch schlecht – aus dem Fenster herüberschreien: ‘He, Sie, ich beobachte Sie seit Wochen – haben Sie etwa gerade ihre Frau umgebracht?’ Das geht ja nun nicht. Er kann nur weiter aus dem Fenster schauen, was soll er auch sonst machen, an seinen Stuhl gefesselt wie er ist – fliegen kann er ja nicht. Aber mit der Ruhe ist es nun vorbei. Er muss unbedingt wissen, was da los ist. Wird plötzlich vom Säufer zum Detektiv. Erteilt sich quasi selbst einen Auftrag. Merkt, dass er das doch sehr vermisst hat, das Aufträge haben. Ein Ziel, eine Aufgabe, nicht ungerichtet sinnlos rumhocken. Und warum dann eben nicht einfach sich selbst den Auftrag erteilen? Ist vielleicht ungewöhnlich, ungewohnt auch, kann auch grenzwertig sein, das weiss er schon, weil wie soll man unterscheiden überhaupt zwischen Sinn und Unsinn seines Autrags, wenn es keine Orientierungslinien gibt, nur die, die das eigene Gehirn impulsartig aussendet? Und das Gehirn ist ein Risikofaktor, denn es kann schliesslich leicht passieren, dass dieses Organ mal völligen Quatsch in Auftrag gibt, Wahnsinn geradezu. Und wahnsinnig werden will er nun nicht, weil das in der Regel Repression als Konsequenz nach sich zieht und das ist unangenehm, wenn man die Unterdrückung so richtig spürt.
(Man wird daher lieber ein bischen elastisch, hier und da ein bischen weich und ungenau, dass man sich nicht so piekst.)
Gut, er kann sich noch rausreden, wenn er am Ende tatsächlich spinnt, sich diese Sache nur eingebildet hat, eine Schnapsidee hatte: schlimmer wäre doch, wenn er da so einfach der Gewalt, dem bösartigen Geschehen zuschaut und Nichts macht – nicht handelt, nicht eingreift, nicht widerspricht, nicht schreit, nicht tobt – das geht doch nicht, da würde er ja quasi mitschuldig sich machen und das will er nicht. Ruhig schlafen, wenn das Bein wieder gesund ist und er Nachts wieder müde, das will er dann schon. Denn ein Zyniker ist er nun mal nicht.
Also beginnt er entschlossen, aufgebracht, um die Ruhe gebracht, unruhig geworden seine Recherche.
Er kann ja nun nicht raus, aber er hat eine Freundin, die spannt er ein, dass sie ihm hilft, vielleicht auch die Nachbarin von unten, deren Blumen er immer gegossen oder deren Katze er gefüttert hat, wenn sie mal nicht da war. Den Mörder-Nachbarn ausspionieren müssen sie erstmal, denn nachweisen können, beweisen können, muss man jemandem so ein Verbrechen schon, und zwar schwarz auf weiss. Auch die zuständigen Behörden müssen einem Glauben schenken, für alles braucht man Belege.
Aber die Belege sind schwer zu erbringen: der Nachbar sieht plötzlich wieder ganz unschuldig aus, seine Argumente plausibel, gute Gründe hat er, dass seine Frau weg ist.
Für den Detektiv ist das schrecklich enttäuschend. Und erschreckend, ihm wird nämlich bewusst, dass er den Mord ja geradezu begehrt! Er wünscht die Frau nicht tot, aber irgendwie schon doch! Alles hat er darauf aufgebaut, auf diesem Tod. Er hat den Auftrag angefangen – trotz seiner Zweifel, die hat er mühsam überwunden und nun macht er ihm Spass, er ist gut darin, er will ihn zu Ende führen. Ein Abbruch fühlt sich an wie ein Versagen. Noch dazu, um sich in seiner Rolle als Detektiv quasi selbst überflüssig zu machen! Detektive brauchen nunmal Mordfälle, um Detektive zu sein. Gut, man kann auch Ehebrüche nachweisen, generellen Betrug, Steuerhinterziehung – aber der Detektiv lebt nunmal von der Schlechtigkeit der Welt – aus der Kiste kommt er nicht raus und über die kann er nicht hinausdenken.
Das wäre auch Wahnsinn – ein Arzt fühlt sich ja schliesslich auch nicht dafür verantwortlich, dass es Krankheiten gibt, die er kuriert, es sei denn, er erschafft diese erst, erklärt Etwas als krank, um behandeln zu können, sowas kommt ja sehr oft vor, und das ist ein Verbrechen, wird aber Diagnostik genannt.
Aber so ist der Säuferdetektiv eben nicht drauf. Aber plötzlich total verunsichert, das ist er.
Seine gerade Fläche, seine hoffnungsvolle Fläche – die Freude über die Arbeit, das Puzzeln, das legitimiert Beobachten dürfen – ist plötzlich ein Kohlenkeller. Eierkohlen, auf denen er keinen Schritt tun kann, ohne auszurutschen. Er bekommt eine totale Krise. Völliger Wahnsinn ist das, gar nicht mehr bewegen kann er sich. Im Stuhl festgeklemmt, Gehirn auch verklemmt, was man tut, erschafft neue Problematiken, immer wieder neu überprüfen muss man Alles von Fall zu Fall, furchtbar anstrengend und unendlich ist das und abstumpfen, zynisch werden, das findet er wirklich deprimierend. Er ist also depressiv.
Das Einzige, was da raushilft, aus dem Keller, ist Hilfe von Aussen.
Da es sich um einen Hollywoodfilm handet, kommt diese Hilfe dem Beingebrochenen dankbarerweise in Form des Pinschers der Nachbarin zu, der plötzlich mit Genickbruch tot im Hof aufgefunden wird, was die ganze Hausgemeinschaft schrecklich rührt (wie die Freundin berichtet, die gern mit den Nachbarn tratscht), nur den vermutlich bösen Nachbarn nicht. Ein eindeutiger Beweis für dessen Schlechtigkeit, vor allem aber neue Motivation für den Säufer und seine Assistenten, weiterzumachen, beharrlich: so bleibt der Fall ein Fall, ein Mordfall mit dem Nachbarn als Mörder.
Meine Nachbarn sind höchstwahrscheinlich keine Mörder, sie grillen friedlich auf dem Balkon.
Ich sitze hier ganz gern so im Alltag.
Was ich heute gesehen habe, war ein Transvestit mit einem kleinen Hund.
Ich sitze hier – und ich könnte auch woanders sitzen: in einem anderen Alltag, auf einem anderen Stuhl, anderes Wetter, andere Fensterform, und andere Sachen sehen: leerstehende Wolkenkratzer, verlassenene Reihenhäuser, Leute mit Lebensmittelgutscheinen, die vor 24-Std-SB-Tankstellen auf Fertiggerichte anstehen. Eine Stadt ohne Auftrag, die nichts mehr herstellen soll, nichts mehr herstellen kann, schon gar keine Autos, und noch viel weniger Geld – Geld, das eben keine Fahrzeuge zum Bewegen mehr benötigt, sondern nur sich selbst.
‘Wenn man sich nicht mehr bewegt, fährt der Kreislauf total runter, man ist einfach immer schlapp, erschöpft.’
Eine erschöpfte, ausgeschröpfte Stadt.
Was mit den Menschen dieser Stadt (Detroit, Zürich, Leipzig, New York) ist, ob diese ebenfalls erschöpft sind, kann ich nicht recherchieren, das Internet ist nämlich zusammengebrochen.
Ich sitze hier wie Robinson auf einer Betoninsel.
Man steht auf, kocht Kaffee, konzentriert sich, kann sich weiterhin konzentrieren, mit Pausen bis zum Abend, man isst und schläft und steht auf, kocht Kaffee. Abläufe stellen sich ein, lassen sich einhalten ohne Ablenkung, ohne Unsicherheitsfaktoren von Aussen.
Anders als der gutaussehende Säufer nämlich, der vor der Era des Internet lebt, daher selbstverständlich auf analoge, verbale, zwischenmenschliche Kommunikation zurückgreift und mit den Nachbarn spricht, sich also vernetzt, um seinen Fall, seinen Auftrag, seine Krise zu lösen, spreche ich relativ wenig mit meinen Nachbarn. Ich bemühe mich nicht sonderlich darum, habe aber den Eindruck, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht und gehe somit von einem Verhältnis freundlichen Desinteresses aus. Dennoch bin ich natürlich mit ihnen vernetzt, denn sonst sässe ich schliesslich nicht hier. Wäre nicht eingeladen, willkommen gewesen, freundlicherweise mit einem so wundervollen Fenster versorgt!, wie auch mit der nötigen Zeit, um mich mit der Krise zu beschäftigen, der Fremden, wie auch der Eigenen. Diese begann im Gegensatz zur allgemeinen (gemeinhin als ‘Weltwritschaftskrise’ bezeichneten) jedenfalls nicht mit dem Platzen der sogenannten ‘Internetblase’, auch ‚Zusammenbruch der New-Economy’ genannt: anders als Autos lassen sich Informationen unbegrenzt immer schneller erzeugen. Im Kapitalismus scheinbar die perfekte Ware. Allerdings ziemlich unberechenbar.
Wenn man ein Bild davon haben möchte, inwiefern Information sich von anderen Waren (standardmässig, aber nicht mehr aktuell das Gold*) unterscheidet, kann man sie sich als eine genau dieser gewöhnlichen anderen Waren vorstellen. Etwa als eine informationsförmige Gurke: Gepflanzt, geerntet, eingelegt, sitzt die Gurke im Glas, wird vervielfältigt, verkauft, vermehrt sich durch Weitergabe, wird dann wertlos durch ihre Verbreitung und schafft doch Chancen auf neue Gurken, auf Gurken, die selbst keine Gurken mehr sind.
Sie verliert mit der Zeit ihren Informationsgehalt, bleibt aber Gurke, verwandelt sich nicht plötzlich in einen Apfel oder verfault. Aber: nichts ist anachronistischer als eine Gurke (ausser offensichtlich ein Auto). Information ist eben nicht eine Gurke, die man eingelegt im Supermarkt kauft. Sie ist eine verrückt gewordene Ware, die man mühsam unter Kontrolle bringen, ja die man in gewisser Weise einsperren muss, um mit ihr Gewinn zu generieren.
‚Das Schicksal von Informationen in der kapitalistischen Welt ist, gekauft oder verkauft werden zu können. (…) Es ist mein Aufgabe, zu zeigen, dass die damit verbundenen Konzepte zu Missverständnissen und der Misshandlung von Informationen führen.‘**
Mit Informationen und ihrem Gehalt und Wert ist schwierig zu rechnen, denn ein nichtberechenbarer Faktor, Chaos nämlich, wohnt ihnen inne. (z.B. lassen sich Faktoren wie Materiallkosten, Produktionszeit, Gewinnspanne, also die Produktion(skosten) einer eingelegten Gurke relativ genau berechen, die Produktion einer Idee/Information jedoch nicht. Dies wird allerdings völlig ignoriert, es wird ein ganzer Wirtschaftszweig auf ihnen aufgebaut, mit scheinbar berechenbaren kapitalistischen Prinzipien von Angebot und Nachfrage.
Hinzu kommt: beschleunigter Informationsfluss, endlose Informationsverbreitung ist sowohl für Sender wie auch Empfänger schwer auszuhalten – bringt Gehirne an ihre Grenzen, Organe, die doch eigentlich der Informationsvernichtung dienen, Filter sein sollen, die sinnvolle information erkennen und durchlassen, Unsinn oder Fehlinformation aber zerhächseln, und zwar schnellstmöglich, weil sonst Kabelbrände, Kabelverwirrungen, Kurzschlüsse entstehen.
Eine Zeitlang kann man das Gehirn noch optimieren und tunen, Amphetamine nehmen, Zen machen, sich gesund ernähren, ab und zu ekstatisch Ficken. Viel Wasser trinken, das wunderbar sauber aus der Leitung fliesst, wenn auch im Abwasser der Stadt Zürich die europaweit höchsten Rückstande von Koks gemessen wurden.
Die Suizidrate der Schweiz wird nur von Litauen, Lettland, Kroatien und Belgien getoppt.
Nach Griechenland haben Italien, Portugal, Irland, Belgien, Spanien und Deutschland die höchsten Staatschulden in Europa:
Solche (ökonomischen) Statistiken, Berechnungen, Prognosen, Massnahmen basieren auf einem ‘Modell des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems, als bestünde es nur aus einer einzigen Person. Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel. Ein Individuum zugleich in der Rolle des Konsumenten, des Produzenten und des Sparers.’
Ausserdem eine Person ohne soziale Beziehungen, ohne Emotionen, Leidenschaften und Unberechenbarkeiten, also ohne menschliche Faktoren.
Aber: ‘Es gibt eine Unbestimmbarkeit in wirtschaftlichen wie in allen vom Menschen bestimmten Abläufen.
Die Robinson Crusoe Modelle können die Krise nicht erklären. Wenn man Robinson auf einer einsamen Insel ist, warum sollte man sparen und nicht investieren? Das macht keinen Sinn. Wenn man von der Ernte etwas zurückbehält, dann doch nur, um es später als Saatgut zu nutzen. In diesen (…) makroökonomischen Modellen entspricht das Gesparte deshalb immer den Investitionen. Wirtschaftspolitik beruhte also auf gesamtwirtschaftlichen Modellen, in denen eine Krise gar nicht vorkommt. Als sie dann ausbrach, war das Erstaunen groß, und die Volkswirte fragten sich, wie das geschehen konnte. Es konnte geschehen, weil Krisen Bestandteil unserer Welt sind, sie aber in den Modellen nicht auftauchen. (…)’ ***
Die Modelle und Berechnungen, die Wirtschaftspolitik, folgt also quasi der situationistischen Praxis, mit dem Stadtplan von Zürich durch Detroit zu navigieren, denn sie verwendet Mathematik als Sprache, eine Sprache, die offensichtlich an dieser Stelle unangemessen und unzureichend ist. Wobei, lustig wäre so ein Ausflug schon. Man wäre in Zürich schon längst hinter der Stadtgrenze im Wald, dort, wo in Detroit kilometerweit ein Wald aus weiss angestrichenen Fichtenholzhäusern sich ausbreitet, in dem sicher auch die Vögel schön zwitschern, die in den verlassenen Häusern nisten. Vögel, die, anderswo vielleicht vom Aussterben bedroht, dort zu neuer Popularität gelangen. schliesslich ganze Horden von Ökotouristen anziehen, die die selten gewordenen Vögel mit Ferngläsern beobachten, ein Reservat, oder besser Konservat des amerikanischen Lebens der 2010er Jahre, wie in Tschernobyl das sowjetische Leben der 1980er Jahre eingefroren ist. In beiden Fällen lässt sich Alltägliches ohne Alltag besichtigen.
Ein Transvestit mit einem kleinen Hund. Ein Mädchen im Freibad, schwimmt, ein Tuch von Chanel auf dem Kopf. Eine Oma, die den ganzen Tag am Fenster sitzt, die Arme auf ein weisses Kissen gestützt. Trinkt Kaffee, raucht ab und zu.
Nein, sie sitzt nicht im Rollstuhl, sie hat sich auch kein Bein gebrochen. Wahrscheinlich kann sie ganz einfach aufstehen und weggehen. Wahrscheinlich will sie aber nicht. Sie hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet, zuerst in einer Fischfabrik, dann in einer Gurkenfabrik, die haben sie dann entlassen, die Fabrik hat Insolvenz angemeldet, das Gelände ist dann in Eigentumswohnungen umgewandelt worden, dann hat sie geputzt, bis der Rücken kaputt war. Jetzt ist sie in Frührente und geniesst das auch. Sie ist noch gar nicht alt, erst 50, vielleicht sogar erst 47 oder 37 und die Leute sind immer entsetzt, wenn sie sagt, dass sie auch gar nicht arbeiten will. Das versteht sie nicht. Sie kann das nicht verstehen, dass sich alle derartig mit ihrer Arbeit identifizieren: früher war man doch froh, wenn man mal nicht arbeiten musste, man hat sogar gestreikt, um weniger arbeiten zu müssen, hat also die Arbeit verweigert, die man hatte, um weniger davon zu haben, allerdings mehr Geld dafür zu bekommen. Heute arbeiten alle viel mehr, sogar unbezahlt. Zwei Jobs und dann noch zwei Praktika gleichzeitig, das ist normal. Und Spass soll das auch noch bringen. Oder Erfüllung, Anerkennung. Arbeit – damit identifiziert man sich und wenn man keine hat oder nicht arbeiten kann, das ist schlimm, dann bekommt man eine Krise, weil das ist ja dann, als wär man gar nicht da, wenn man sonst nur aus Arbeit besteht. Nein, das begehrt sie nicht. Oh, sie hat schon verstanden, dass man trennen muss zwischen so Lohnarbeit und so Herzarbeit. Aber wenn es denn keine Fische mehr gibt und keiner mehr Gurken ist und Autos werden auch nicht mehr hergestellt sondern nur noch Informations-, Grafik-, Bilder-, Text-, Sound-Waren, wie soll man da denn unterscheiden zwischen Lohn und Leidenschaft. Das geht doch gar nicht. Grillen will man ja trotzdem und nicht unbedingt den Pinscher der Nachbarin. Jeden Tag laufen die Beiden an ihrem Fenster vorbei der Hund pinkelt an den Baum vorm Haus, eine schöne Fichte ist das eigentlich. Stinkt jetzt sicher. Das kann sie nicht beurteilen, weil sie geht nicht soviel raus. Sie schaut nur aus dem Fenster.

 Itty Minchesta, Zürich, 26.07.2013
www.atombusentransporte.de

Präsentiert am 26.07.2013 als Hörstück und Teil der Installation ‘Omi-Auf-Ex’
in der Badenerstrasse 565/Eingang Ost, 8048 Zürich

Itty Minchesta dankt für den Aufenthalt am Fenster Caro, Ives, Romy, Riikka, Ursina und
Citro Druck+Ateliers, Badenerstrasse 565/Eingang Ost, 8048 Zürich

*vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldstandard
**vgl.: http://wallflowers-zine.blogspot.ch/2012/04/norbert-wiener-zur-information-als-ware.html
***vgl.: http://denkraum.wordpress.com/2013/06/18/okonomie-des-glucklichen-lebens-hippokratischer-eid-fur-okonomen-gesprachsserie-bei-dradio-kultur

Download Fensterladen Pdf

16.5.2013

latest-corpse5

To the one true God above:
here is my prayer -
not the first you’ve heard, but the first I wrote.
There are two people here, and I want you to kill them.

Ich will dem Studenten mit Bäuchlein und Haarausfall, der sehr dicht hinter mir steht und den Text des Liedes inbrünstig sehr laut, sehr schief und sehr falsch mitsingt, den abgebrochenen Flaschenhals einer Bierflasche in die Halsschlagader rammen.

Him – just fucking kill him, I don’t care if it hurts.
Yes I do, I want it to,
fucking kill him but first
make him cry like a woman,
(no particular woman),
let him hold out hope that someone or other might come
then fucking kill him
Fucking kill him.

Ich will dem Mädchen zwei Reihen weiter vorne, das sich mit halbgeschlossenen Augen lasziv lächelnd zum Spund der Bassdrum windet, wenn es nicht gerade die Arme mit Metalgeste nach oben reckt, einen unglaublich fetten, langen, harten Dildo von hinten in den Arsch rammen.

Just fucking kill him, fuckin kill him,
Kill him already, kill him.
Fuckin kill him, kill him,
Fucking kill him already, kill him.

 

 

 

 

11.04.2013
latestcorpse4a

Am Frühabend kamen die Leichenträger und Überführer aus Kiel. Vier Stunden Verspätung, Unfall wohl und Stau, sehen aber TipTop aus, Theaterschminke nichts dagegen: Augenbrauenstift, Wangenrot, Puder, Duftwässerchen und nicht die Miene verziehen, auf gar keinen Fall – Kaffeangebot schon quasi Beleidigung.
Mutter dann von Bett auf Bahre auf Rollwagen, Rollwagen Treppe runter, Treppe steil, Arbeit beengt und schwer – bloss nicht schnaufen. Endlich die offene Strasse, Leichenwagentür auf – moderne Technik lässt Leiche und Bahre sanft ins edelgrau ausgeschlagene Innere gleiten – aber da klemmt was, ja was denn, geht ja gar nicht, Mist, Füsse zuerst oder Kopf, mal rumdrehen, Mist, jetzt total verklemmt, also Stahlgerüst dekonstruieren, Hammer nehmen, Amok laufen, halbe Stunde performativer Totalzusammenbruch.
Autofahrer hupen, Dorfgemeinschaft peinlich berührt, auch Fensterkissen rausgeholt, Angehörigen sitzt was hysterisch in der Kehle – unkontrolliertes Lachen in feixende Hilflosigkeit gerade noch transformiert. Der Toten hätt’s gefallen wohl, das Schauspiel.

3.4.2013

latestcorpse3a

“Du kannst gern den Test machen. Ich kann Dir aber gleich sagen: Du bist es. Es sieht genauso aus wie du.”

“Hallo?”

Komm jetzt! Los jetzt! Komm schon weiter! Warum muss ich dich immer hinterherschleifen!!! Nun komm schon. Weg da! Los jetzt, Berta!
Verdammt. Ich bin doch keine Damentoilette. Was bilden die sich überhaupt ein!
Los, komm jetzt, Köterchen, komm schon. Wir müssen weiter. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, komm schon.
Nun komm schon weiter, ist ja gut. Los jetzt! Na gut, dann mach’s halt tot, von mir aus. Ist doch nur einer mit ner Matratze auf dem Rücken. Krebsgang, Rückwärtsgang, Vorgeschichte, Herrgott, Sakrament und Absolution. Studenten! Buckel, buckel. Palliativsalbe. Arschloch. Wie sieht der überhaupt aus. Verstopfen die Pfandautomaten, haben keine Sorgen, häuten sollte man die.
Nun komm schon, der Stein weint ja schon! Wo du nur immer deine Aggression hernimmst, hab ich dir doch nicht beigebracht, komm beiss rein, so ist’s gut. Scheisse, was ist das denn. Die Kotze ist ja ganz blutig. So eine Sauerei. Das schöne Kopfsteinpflaster. Sieben Tage verlegt.
Zimmer 310, wundgelegt. Würd ich auch nicht wollen. Nicht, Berta, wir bleiben schön Zuhause und sterben da. Nun komm schon, sonst kommen wir zu spät.

24.3.2013
latestcorpse2d

Liebe VeranstalterInnen im autonomen JUZ Tübingen,

ich habe nach dem Auftritt mit meiner Punkband am letzten Samstag meine Zeichenstifte bei euch vergessen, ich glaube am Mischpult. Vielleicht könnt ihr einmal nachsehen und falls ihr sie findet, an mich senden?
Sie befinden sich in einer Blechbüchse, in die ‘Deutschland über alles’ eingekratzt ist. Wenn ihr die Dose aufklappt, seht ihr einen Radiergummi mit Adolf Hitler drauf.

Vielen Dank schonmal für eure Mühe,

A.

 

 

18.3.2013

latestcorpse1b

Besser ein Schlüpfer in der Hand als eine Taube auf dem Dach

Im Verlauf der Dreharbeiten war er mit der blonden Perücke der Hauptdarstellerin zunehmend unzufrieden. Da bereits etliche Szenen gedreht waren, war es zu diesem Zeitpunkt aber bereits zu spät für eine Änderung der Haartracht.